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Andrea MartinaVonAndrea Martina

Kostenloses Comicbuch über Einfluss seelischer Erkrankungen in Familien

Die Wunschperle“ heißt das Comicbuch, das der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen in Kooperation mit der Barmer herausgebracht hat.

Mit liebevollen Zeichnungen wird die Geschichte einer Schildkrötenfamilie erzählt, deren jüngster Sohn Anton an einer Depression erkrankt.

Anhand Antons Verhalten  werden gleich zu Beginn in kindgerechter Sprache typische Symptome einer depressiven Phase erklärt: Die kleine Schildkröte will nicht mehr mit seinen Geschwistern und Freunden spielen; außerdem schmeckt ihm seine Leibspeise ‚Algenlasagne‘ kaum mehr. 

Weiter geht es in dem Comic mit einer Auseinandersetzung der Eltern, die sich schwer mit dem Eingeständnis tun, dass ihr Jüngster erkrankt ist. Aber auch die Schwierigkeiten, die die Geschwisterkinder bekommen, werden dargestellt.

Als Anton in die sog. Wellen-Klinik muss, haben die Schildkröteneltern nur noch wenig Zeit für ihre anderen beiden Kinder. Zudem werden die beiden Geschwister von Freunden ausgelacht und Antons Bruder bekommt Probleme beim Tauchball, weil es Gerüchte um Antons psychische Erkrankung gibt. 

Während der Rest der Familie weiterhin versucht den normalen Alltag zu bewältigen, wird Antons Klinikaufenthalt beschrieben. Da gibt es den Doktorfisch Dr. Gibraltar, der mit der kleinen Schildkröte therapeutische Gespräche führt. Außerdem geht Anton in die Kunst- und in die Sporttherapie; sehr wichtig ist für ihn auch der Kontakt mit anderen jungen Patienten. Neben Depressionen kommen so auch die Symptome weiterer Störungen zum Ausdruck: Ein kleiner Killerwal hat eine Angststörung und drei weitere Fische ADHS, eine Ess- und eine Sprachstörung.

Spannend wird die Geschichte, als sich Anton und seine neuen Freunde unerlaubt auf die Suche nach einer geheimen Wunschperle machen und dabei mit ihren Ängsten und Sorgen konfrontiert werden. Es geht natürlich alles gut aus, aber sehr schön wird beschrieben, wie die Familie zusammenhält und die Eltern sich Mühe geben, dass auch die Geschwisterkinder in dieser schwierigen Situation nicht zu kurz kommen.

Als selbst Betroffene und Angehörige habe ich dieses doch recht lange Comicbuch (über 100 Seiten!) ‚in einem Happs quasi verschlungen‘. Sowohl den Psychiatrieaufenthalt der kleinen Schildkröte wie auch den Umgang der Familie damit finde ich sehr schön nachgezeichnet und habe viele Situationen wiedergefunden, die ich selbst so ähnlich erlebt habe (oder gern hätte).

Am Ende der Geschichte kommen vier Seiten, auf denen der Doktorfisch grundlegende Begriffe wie Klinik, Therapie, Selbsthilfegruppe, Seele und die 5 im Buch thematisierten Störungsbilder kindgerecht erklärt (Depression, Angststörung, Essstörung, Sprachstörung, ADHS). 

Zusätzlich zu dem Comicbuch gibt es auch noch ein Begleitbuch für Erwachsene, das aus drei Teilen besteht. Der erste Teil geht speziell auf die Situation der Geschwisterkinder ein, zeigt mögliche Probleme (Mobbing, Kontaktabbrüche, Ängste, schlechte Schulleistungen) und erste Lösungswege hierfür auf. Im zweiten Informationsteil wird ausführlicher über die häufigsten psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen informiert. Der abschließende Serviceteil verweist auf Stellen, wo man Hilfe finden kann.

Hier der Link, um Comic und Begleitbuch kostenlos zu bestellen: https://www.bapk.de/projekte/die-wunschperle-geschwisterbuch.html

VonChristine

Persönliche Zukunftsplanung

Vor der Wende hieß das Tal, aus dem ich stamme, das Tal der Ahnungslosen, in dem ARD für „Außer Raum Dresden“ stand. Damals verirrte sich ein Amateur-Kameramann, der Aufzeichnungen von einer der Montagsdemos ans ZDF weiterleiten wollte, ausgerechnet auf unser recht abgelegenes Grundstück, als er sich von jemandem, den er als Stasi einordnete, verfolgt fühlte. Das war das erste Mal, dass das Draußen mit Urgewalt in meine kleine Welt hereinbrach. Kurz danach erzählte der Nachbarsjunge, dass er 24 Stunden in Untersuchungshaft zugebracht hatte, weil er auf eben dieser Demo war. Deshalb zu fliehen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Eher plante ich meinen Tag engmaschiger und überlegte, wie viel von dem Draußen ich an mich heranlasse, zumal ich stillte. Am Waldrand in dem Jugendstilhaus, in dem wir wenige Wochen zuvor eine Wohnung bezogen hatten, nachdem wir über Jahre die Bausubstanz, so gut wir konnten, restauriert hatten, war das recht einfach.

Haus

Schwieriger wurde es, als ich wieder arbeiten ging und der erste Wessie in meinem Team auftauchte, der von sich sagte, er wolle den realen Sozialismus vor Ort untergehen sehen, nachdem er in Göttingen für die Grünen im Stadtrat war. Er fuhr Liegerad, trug speihässliche großgeblumte Shorts, nur weil sie billig waren, und hatte extrem picklige Beine aufgrund einer Neurodermitis und Glatze. Glatze wohl aus Prinzip, zumal schön zu sein opportunistisch gewesen wäre. Neurodermitis kannte ich bis dahin nicht und hatte sie auch noch nie gesehen. Aber das Verblüffendste war, dass er ununterbrochen sprach, was im OP recht kompliziert ist. Dabei sortierte er nie, was situativ für Dritte von Bedeutung war, sondern entleerte sein Hirn in den Raum wie eine Mülltonne. Andernorts wäre soviel Ungebremstheit sicherlich reizvoll gewesen.

Dass er vieles an den Arbeitsabläufen in seiner neuen Heimat kriminell fand, irritierte mich anfangs wenig, immerhin war ich bis dahin noch von niemandem eingegliedert worden und nahm die Westmark eher als Gag am Rande wahr, zumal die ersten Narkosen, die ich in der Zeit eher machen musste als machen wollte, meine gesamte Aufmerksamkeit banden. Die Wende war irgendwo da draußen außerhalb des OP-Saales, da wo auch Wetter war, und kein Grund an Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und die damit unter Umständen verbundene Depression Gedanken zu verlieren.

Wenig später kam ich dann aber doch ins Grübeln, als ich bei einem Seminar die Formel IchKannDichVerstehen,EsInteressiertMichNicht von einem westdeutschen Theologen eingetrichtert bekam, um lebensfähiger zu werden, wie er sagte. Das war meine erste Berührung mit der gesamtdeutschen Kirche. Ich habe den oben erwähnten Kameramann trotzdem ein zweites Mal hereingelassen. Da versuchte er die Mutter seines Kindes in Gegenwart des Kindes zu einem Gespräch zu zwingen, das sie seiner Ansicht nach ohne uns nicht zu führen bereit gewesen sei. Ich war mindestens genauso verdutzt wie nach seiner Verfolgungsjagd, zumal seine Frau nur einwarf, dass ihr Kind gerade sämtliche Begriffe aneinanderreihe, die es beunruhigten. Depression schließt sich an Angst und Panik an, habe ich inzwischen gelernt. Angst hatte ich damals noch keine. Ich war nur verdutzt, konnte nichts verstehen, interessierte mich aber dafür – genau wie heute für das syrische Fernsehen, das ich per Livestream empfange, aber mangels deutscher Untertitel nicht verstehe. Wahrscheinlich bin ich nach wie vor gefährdet depressiv zu werden, wodurch auch immer. Es ist verrückt.