Monatsarchiv Februar 2019

Andrea MartinaVonAndrea Martina

Gefühlsleben @work – Gedanken zum Buch von Vivian Dittmar

Haben Gefühle Platz im Arbeitsleben? Darf ich meinen Gefühlen offen und ehrlich Ausdruck verleihen? Warum ist das in der Vergangenheit auch mal so richtig schief gegangen?

Diese und ähnliche Fragen schwirren mir seit ein paar Monaten im Kopf herum. Angefangen hat es mit einer neuen Arbeitsstelle, bei der ich zu Beginn gefühlt 😉 von negativen Gefühlen überflutet wurde und nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte. Mittlerweile habe ich mich ein bisschen ge-settled und fühle mich langsam sicherer im Job. Geholfen haben mir dabei berufliches Coaching und ein Buch, das ich mir von einer Kollegin ausgeliehen habe: Gefühle @work ~ Wie emotionale Kompetenz Unternehmen transformieren kann.

Die Autorin Vivian Dittmar gibt in diesem Büchlein einen Überblick über ihre grundlegenden Erkenntnisse des oft schwammigen Gefühl-Begriffs. Eine erste wichtige Unterscheidung, die sie trifft und deren Verständnis mir weiter geholfen hat, ist der Unterschied zwischen Gefühlen und Emotionen. Unter Gefühlen versteht sie notwendige soziale Kräfte, während Emotion bei ihr „Gefühle aus der Vergangenheit [bezeichnet], die damals überwältigend waren und deshalb nicht gefühlt wurden“ (S. 37). In diesem Zusammenhang spricht sie auch von emotionalen Altlasten. Für mich persönlich schließe ich daraus Folgendes: Wenn ich im zwischenmenschlichen Miteinander von einer Sache so ge-triggered werde, dass sich meine Gedankenwelt fast nur noch darum dreht, ist wahrscheinlich eine emotionale Altlast im Spiel und ich hüte mich besser davor, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Gleichzeitig ist jedoch nicht zu vergessen, dass Gefühle eine soziale Funktion haben. Auch wenn ich weiß, dass ich schnell ge-triggered werden kann, ist es wichtig, Gefühle zu erkennen und erst einmal für mich auch anzunehmen. Egal ob mit einer emotionalen Altlast oder einem Gefühl als soziale Kraft; irgendwie muss ich mich damit auseinandersetzen, sonst geht der Schuss nach hinten los.

Die vielleicht nett gemeinten Ratschläge in Bezug auf mein reges Gefühlsleben wie ‚Mach dir nicht so viele Gedanken‘ oder auch ‚Leg dir mal eine dickere Haut zu‘, haben bei mir noch nie zu viel geführt, außer dass ich mich unverstanden fühle und vielleicht selbst noch mehr verurteile.

Zurück zu Vivian Dittmar und den Gefühlen @work: Sie hat einen Gefühlskompass entwickelt, bei dem sie 5 Grundgefühle unterscheidet; das sind Angst, Freude, Scham, Trauer und Wut. Da kommt bei mir gleich das Bild aus dem Pixar-Film „Alles steht Kopf“ hoch, der das Zusammenspiel dieser Gefühle anschaulich darstellt (mit Ausnahme von Scham; stattdessen ist in dem Animationsfilm Ekel das fünfte Grundgefühl). Im Buch beschreibt die Autorin, welche Kraft in jedem der 5 Grundgefühle steckt, wobei ihr sehr wichtig ist, dass sich jedes Gefühl positiv und negativ äußern kann. Gehen wir sie der Reihe nach durch:

  • Angst kann in der positiven Ausprägung zu Innovation führen, weil ich mich überwinden muss. Die Schattenseite von Angst ist Lähmung, wenn ich mich einfach nicht überwinden kann.
  • Freude drückt sich positiv über Wertschätzung aus und zwar darüber, dass etwas, das erwartet wurde, tatsächlich eingetroffen ist. Wenn ich mir allerdings einen Fehlschlag nicht eingestehen kann und stattdessen alles ’schön rede‘, zeigt sich der Schatten der Freude als Illusion.
  • Scham als soziale Kraft ist dann hilfreich, wenn ich mich selbst reflektiere und meinen Umgang mit meinen Mitmenschen überdenke bzw. einen anderen damit finde. In der negativen Ausprägung führt Scham dazu, dass ich mich ständig in Frage stelle – Vivian Dittmar spricht hier von Selbstzerfleischung.
  • Trauer führt im positiven Sinne dazu, dass ich Situationen annehmen kann, die unabänderlich sind. Die Schattenseite von Trauer ist die Resignation; wenn ich zu schnell aufgebe, weil ich denke, ich kann eh nichts verändern.
  • Zu guter Letzt noch Wut (- die ich im oben genannten Pixar-Film so toll dargestellt finde mit dem  brennenden Kopf): Durch Wut wird Energie frei und ich kann in Aktion treten; also zwischenmenschlich so agieren, dass die Situation, über die ich mich ärgere, sich verändert. In der negativen Ausprägung führt Wut zu Zerstörung, wenn ich ohne Rücksicht auf Verluste quasi alles kurz und klein schlage.

Zu Beginn des Blog-Beitrags habe ich drei Fragen gestellt, die ich nun nach der Lektüre von Gefühle @work versuchen möchte zu beantworten plus der Zusatzfrage der Auflösung des Ganzen.

  1. Haben Gefühle Platz im Arbeitsleben? Ja, das haben und müssen sie – in der Arbeit und im Leben allgemein. Dazu fällt mir das Lied ‚Ich bin doch keine Maschine‘ von Tim Bendzko ein und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man krank wird, wenn man seine Gefühle unterdrückt oder ihnen nicht genug Raum in seinem Leben geben kann.

  2. Darf ich meinen Gefühlen offen und ehrlich Ausdruck im Arbeitsleben verleihen? Wie oben beschrieben ist hier die Unterscheidung zwischen emotionaler Altlast und einem Gefühl als sozialer Kraft wichtig. Im Hinterkopf versuche ich zu behalten, dass ich nicht sofort reagiere und auch nicht total eintauche in mein Gefühlsleben, wenn es mich gerade ‚über-mannt‘. Vivian Dittmar spricht von Gefühlen parken, wenn sie einen in einer Situation gerade überfordern. Das heißt, ich lasse das Gefühl zu – unterdrücke es also nicht, aber versuche es dann irgendwie zur Seite zu schieben und mich später damit zu beschäftigen. Außerdem muss ich davon ausgehen, dass es für das zwischenmenschliche Miteinander ganz wichtig ist, dass ich (und mein Gegenüber) meine (bwz. wir unsere) Gefühle ausdrücken. Ich möchte lernen, meine Gefühle angemessen auszudrücken.

  3. Warum ist das in der Vergangenheit auch mal schief gegangen? Weil ich mich von einer emotionalen Altlast dazu habe hinreißen lassen, meine Gefühle unangemessen auszudrücken – eigentlich lief das fast automatisch ab. Wenn ich genau hinschaue, habe ich in der ein oder anderen Situation aus heutiger Sicht wohl überreagiert, wusste es damals aber nicht besser, weil ich unbewusst an Situationen aus meiner Kindheit/Jugend erinnert wurde, die ich damals nicht verändern konnte. Damals war ich diesen Gefühlen ausgeliefert und so wurden sie zu emotionalen Altlasten. Heute aber bin ich erwachsen und kann und möchte mit gewissen Situationen anders umgehen: Ich möchte meine Gefühle besser im Griff haben.

  4. Und wie kann ich das jetzt tun? Erst einmal finde ich es wichtig, dass ich mir diese ganzen Zusammenhänge bewusst gemacht habe. Was ich diese Woche im Arbeitsalltag festgestellt habe, ist, dass mir Anteilnahme an meiner Situation von Kollegen oder auch im privaten Bereich hilft. Vivian Dittmar empfiehlt in ihrem Buch außerdem eine Methode, die ich (noch) nicht ausprobiert habe: das bewusste Entladen. Dabei ‚kotzt‘ man sich sozusagen 5-10 Minuten bei einer Person seines Vertrauens über eine belastende Situation aus, ohne dass man irgendwas zurückhält. Das Gesagte wird dabei absolut vertraulich behandelt; also wenn ich das richtig verstehe, reagiert das Gegenüber weder bei noch nach der bewussten Entladung auf das Gesagte. Laut der Autorin ist der erstaunliche Effekt dieser Praxis, „dass Menschen sich in diesem Rahmen innerhalb kürzester Zeit selbst sortieren können. Sie werden sozusagen ihr eigener Coach, einfach dadurch, dass ihnen aufmerksam und wertungsfrei zugehört wird“ (S. 144). So ganz kann ich mir das Ganze noch nicht vorstellen, aber ich finde es einen spannenden Ansatz und wer weiß, vielleicht kann ich ja demnächst bei jemandem bewusst entladen? Mein eigener Coach in Sachen Gefühle @work werden zu können, hört sich auf jeden Fall sehr verlockend an!

 

VickiVonVicki

„Aktiv für die Psyche“ am 31.01.2019

Wenn du die Möglichkeit hättest eine Information über deine psychische Erkrankung vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen, welche wäre es?“

Und welche sollte die ganze Welt wissen?“

Bin ich schuldig an meiner Erkrankung?“             „Ist überhaupt jemand schuldig, dass ich mich so fühle?“Muss ich für, bzw. gegen etwas kämpfen?“

         Diese und viele andere Fragen beschäftigten unsere Gruppe in der ersten Hälfte bei dem letzten Treffen am 31.01.2019. Unsere recht interessante Diskussion mit einem philosophischen Tiefsinn hat uns wieder bewiesen, wie unterschiedlich unsere Erfahrungen und damit verbundene Meinung sein kann. Es ist eine Bereicherung diese auszutauschen und so einen neuen Blick auf die gestellten Fragen zu bekommen.

Mich persönlich hat eine Aussage sehr zum Nachdenken gebracht: „Ich habe zwei Wörter aus meinem Wörterbuch gestrichen, und zwar Schuld und Kampf. Es ist klar, wenn man gegen etwas kämpft, dann erzielt man nur Gegenkampf. Druck gegen Druck. Es ist und war immer das schlimmste was Menschen machen könnten.“ Gegen was/wem kämpfe ich selbst? Ganz automatisch antworte ich auf die Frage, wie es mir geht mit: „Jaaa, ich kämpfe weiter“. Ich will aber nicht mit mir selbst kämpfen, ich wünsche mir, alles, was in mir passiert, besser zu verstehen und die Vergangenheit langsam zu verarbeiten und akzeptieren. Und natürlich will ich auch nicht mit meiner Umgebung kämpfen! Mein Wunsch, und der von jedem Betroffenen, ist mehr Geduld, Offenheit, Akzeptanz und Freundschaft..

        In der zweiten Hälfte haben wir uns über verschiedene Entspannungsmethoden ausgetauscht und festgestellt, dass jeder den Weg zum Entspannen selber finden muss. Manche von uns tendieren zu ruhigeren, sanften bzw. mentalen Methoden, wie z. B. Progressive Muskelentspannung, Yoga, Fantasiereise, Meditation, Qi Gong, Feldenkreis oder Tai-Chi. Andere können sich gut beim Ausdauertraining entspannen. Diese zählt ja zu den sportwissenschaftlich anerkanntesten Stressbewältigungsmethoden! Wichtig ist es, offen fürs Neue zu sein und es auszuprobieren. Und so wie wir uns in dem Lauf der Zeit ändern, ändert sich auch unser „Entspannungsgeschmack“. Deswegen: auch wenn wir das Gefühl haben, dass die ausgesuchte Entspannungsmethode gar nicht zu uns passt, schließen wir nie die Tür hinter ihr!

Zum Schluss haben wir eine Imaginationsreise mit dieser schönen Übung gemacht: https://www.youtube.com/watch?v=UEKUB7HSPTE

Ich freue mich auf unser nächstes Treffen!

Und bis dahin nicht vergessen:  RELAX    🙂

Andrea MartinaVonAndrea Martina

Rückblick auf Selbsthilfe-Infoabend beim SpDi Erding

Vergangenen Donnerstag, am 31.1.19, fand beim Sozialpsychiatrischen Dienst kurz SPDI in Erding ein Informationsabend zum Thema Selbsthilfe mit meiner Mitwirkung statt. Schon seit einiger Zeit ist uns Selbsthilfe-Aktiven aufgefallen, dass wir immer mal wieder Anfragen für unsere Selbsthilfegruppe aus dem Erdinger Raum bekommen. Dann hat der Leiter des SpDis in Erding angefragt, ob ich als Referentin für einen Workshop zur Verfügung stehen würde. Gesagt, gemacht – und so stellte ich letzten Donnerstagabend in einem Impulsreferat meinen Weg in die Selbsthilfe vor, während Viki in Markt Schwaben das reguläre Gruppentreffen von ‚Aktiv für die Psyche‘ gestaltet und abgehalten hat.

In Erding hatten sich elf Betroffene und Angehörige von psychischen Erkrankten eingefunden und mit dem schwarzen Hund als ice-breaker begann mein Vortrag. (Anmerkung: Winston Churchill bezeichnete seine Depression als schwarzen Hund und mir gefällt das Bild sehr gut, dass das Ziel ist, sich nicht mehr von seiner Depression ‚übermannen‘ zu lassen, sondern den schwarzen Hund ‚an die Leine zu nehmen‘.] Neben ein paar allgemeinen Infos zu psychischen Erkrankungen und meinen Hindernissen damit, beschrieb ich meinen Weg in die Selbsthilfe. Weiterhin ging es um den Aufbau und heutigen Stand unserer Gruppe sowie ein paar Rahmenbedingungen für Selbsthilfegruppen und meine Er-Kenntnisse zum Thema Selbsthilfe.

Meine Er-Kenntnisse möchte ich an dieser Stelle teilen:

  • Dadurch, dass ich in der Selbsthilfe aktiv geworden bin, erlebe ich mich als authentisch und effektiv; sprich: Ich kann etwas (mit-)bewegen und -gestalten ~ trotz oder gerade wegen psychischer Probleme.
  • Bei mir war langjährige Therapie notwendig, aber jetzt erlebe ich in der Gruppe viel Verständnis füreinander, was mich irgendwie auch (ohne Therapie) ein Stück weit trägt.
  • Auch als Gründungsmitglied [einer Selbsthilfegruppe] will ich mich ‚zumuten‘ können; seit unserer Gründung hatte ich auch eine depressive Phase, bin aber weiter zur Gruppe gegangen und habe versucht im Rahmen meiner Möglichkeiten mitzugestalten.

Die Selbsthilfe-Interessierten haben positiv auf meine Ausführungen reagiert. Wie die Gruppe in Markt Schwaben abläuft, sorgte für viel Interesse und nach und nach entspann sich ein Gespräch, welche Vorstellungen zum Thema Selbsthilfe am Tisch vertreten waren. Neben Betroffenen haben sich auch 2-3 Personen als Angehörige geäußert und vielleicht kann in Erding ja eine Gruppe für Angehörige und Betroffene entstehen.

Unter der Moderation des Leiters vom SpDi Erding einigten wir uns am Schluss auf drei weitere Folgetreffen am Do 28.2.19, 14.3.19 und 28.3.19 jeweils um 18.30 im SpDi Erding (Münchner Str. 44). Falls sich dort nun eine neue Selbsthilfegruppe bildet, hat sie zum einen meine Unterstützung (am 28. Februar und 28. März komme ich auch wieder dazu) sowie eine Anbindung an den Sozialpsychiatrischen Dienst Erding. Ich bin gespannt, welcher Personenkreis sich dort bei den nächsten Treffen einfindet und würde mich freuen, wenn unsere Selbsthilfe-Arbeit weitere Kreise zieht.

Rückblick auf Selbsthilfe-Infoabend beim SpDi Erding