Über „Psycho-edukation bei Kindern und Erwachsenen“ am 22. April 2018 in Markt Schwaben

Andrea MartinaVonAndrea Martina

Über „Psycho-edukation bei Kindern und Erwachsenen“ am 22. April 2018 in Markt Schwaben

Seit über 25 Jahren veranstaltet Bernhard Winter regelmäßig „Begegnungen, bei denen es darum geht, vermeintliche Gegensätze in Berührung zu bringen“ (s. Einladungsflyer zu dieser Sonntagsbegegnung). Vergangenen Sonntag trafen zwei Koryphäen aus dem Gebiet der Psychoedukation aufeinander: Prof. Josef Bäuml – Oberarzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Poliklinik Rechts der Isar der Technischen Universität München und Prof. Franz-Joseph Freisleder – Ärztlicher Direktor des Heckscher-Klinikums für Kinder und Jugendpsychiatrie in München.

Beim Thema Psychoedukation geht es um die Wissensvermittlung über seelische Zusammenhänge, für die Prof. Freisleder aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen eingetreten ist (im Bild rechts), während Prof. Bäuml eine umfassende Rückschau aus dem Erwachsenenleben dargeboten hat (links im Bild). Beide Akteure haben Veröffentlichungen zum Thema der Psychoedukation initiiert bzw. daran mitgewirkt und sind daher als treibende Kräfte dessen anzusehen, was Prof. Bäuml auch als „Dolmetschversuch“ bezeichnete: Es geht um die Übersetzung und ein besseres Eigen- und Fremdverständnis dafür, was im Gehirn bei psychischen Erkrankungen vor sich geht ~ und das auf eine mitfühlende und respektvolle Art und Weise.

In unserer Gesellschaft werden ‚psychische Aussetzer‘ fast ausschließlich als tragische Eigendynamiken gesehen. Ein ganz neuer Verständnisansatz ergab sich, als Prof. Bäuml dabei von „Verwüstungen in bester Absicht sprach. Es ist möglich ein Krankheitsverständnis zu entwickeln; und diese Form der Aufklärung sollte und kann ohne Gesichtsverlust der Patienten oder Angehörigen erfolgen.

Anschaulich demonstrierte Dr. Bäuml mit Hilfe der Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbandes, Simone Fleischmann sowie einer weiteren Besucherin der Veranstaltung, was zum Beispiel bei einer Schizophrenie passiert. Dabei kommt es zu einem parallelen Erleben von zwei Wirklichkeiten, die nicht mehr deckungsgleich sind. Im gesunden Zustand sind die allgemeine, soziale geteilte Realität sowie das private Erleben gut miteinander vereinbar und dementsprechend stellte Dr. Bäuml die beiden Damen zunächst in einer Linie hintereinander auf. Kommt es zu schizophrenen Phasen, dann wandert die private Wirklichkeit gewissermaßen aus dieser Einheit heraus. Dr. Bäuml illustrierte diesen Vorgang im Kopf, indem eine der beiden Damen sich weit von der anderen entfernte. Aufgabe einer psychiatrischen Behandlung ist es nun, beide anzunähern und dem Patienten wieder ein vereinbares Erleben von gemeinschaftlicher und persönlicher Realität zu ermöglichen.

Nach dem knapp einstündigen Dialog zwischen den beiden Professoren, bei dem es Prof. Freisleder immer wieder rhetorisch gewandt gelang, einen regen Austausch anzustoßen, blieb noch Zeit für Fragen und Kommentare der Anwesenden. Es kam die Wortmeldung des Leiters der Polizeiinspektion Poing, da auch kurz das umstrittene, neu geplante Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz in Bayern zur Sprache gekommen war. Weiterhin meldete sich eine Mitarbeiterin der Leitstelle des Krisendienstes Psychiatrie Oberbayern in München und bestätigte die innovative und gute Zusammenarbeit zwischen Polizei und psychologisch geschultem Personal bei Einsätzen.

Zuletzt meldeten sich zwei Frauen zu Wort, mit dem Anliegen mehr zur Aufklärung über Psychopharmaka zu erfahren sowie eine Expertenmeinung dazu zu hören, wann es sich bei ‚auffälligem Verhalten‘ um eine Krankheit handelt und wann um eine vorübergehende Phase. Prof. Bäuml trat für die vielfach ‚ungeliebten‘ Neuroleptika und Antidepressiva ein: Bei ersteren handele es sich um einen Rückfallschutz vor schizophrenen Erkrankungen und bei letzteren um eine Starthilfe, damit Selbstheilungskräfte zum Tragen kommen können. Abschließend schilderte Prof. Freisleder eindrücklich, welche Informationen seines Wissens nach nötig sind, um einzuschätzen, ob jemand tatsächlich erkrankt ist oder nur vorübergehend ‚nicht gesellschaftskonform‘: Aus seiner Sicht ist es immer notwendig, das auffällige Verhalten im Querschnitt und im Längsschnitt zu betrachten. Handelt es sich eher um eine aktuell akutgewordene Phase oder wird der Betroffene durch sein Er-Leben im gesamten Lebensverlauf beeinträchtigt? In seiner Behandlungspraxis legt Prof. Freisleder zudem großen Wert auf die Fremdanamnese.

[Erklärung: Die Fremdanamnese ist eine Form der Anamnese-Erhebung, bei der aus dem Umfeld des Patienten Personen (Angehörige, Bekannte oder andere) befragt werden und Angaben zur Erkrankung machen. Quelle: http://www.imed-komm.eu/node/654 – zuletzt abgerufen am 24.04.2018]

Allgemein zeigte diese Sonntagsbegegnung auf, wie wichtig es ist, die Augen sensibel für das Thema Psychoedukation zu öffnen und auch offen zu halten. Seien es Kinder, Eltern oder Erwachsene ~ psychische Erkrankungen gehen die ganze Gesellschaft an und ein verantwortungsbewusster, aufgeklärter Umgang mit ihnen ist unumgänglich, um seelische Zusammenhänge und Bedürfnisse gemeinsam besser zu integrieren.

Weitere Informationen zu diesem Vortrag und anderen Aktivitäten von Bernhard Winter (mittig im Bild) unter http://www.winternetz.net/news

Über den Autor

Andrea Martina

Andrea Martina administrator

Hi, ich bin Andrea und leide offiziell seit 2013 an einer psychischen Beeinträchtigung. Das heißt, damals habe ich endgültig eine Therapie angefangen, nachdem ich schon etliche Jahre zuvor bei vielen Beratungsstellen angeklopft hatte und mich aber nicht überwinden konnte, mir wirklich einzugestehen, dass ich therapeutischen Beistand brauche. Vor, während und auch nach meiner Therapie gab und gibt es Höhen und Tiefen in meinem Er-Leben, die wohl in Richtung ‚psychisch auffällig‘ gehen – wenn auch mittlerweile in etwas abgemilderter Form.

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