Persönliche Zukunftsplanung

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Persönliche Zukunftsplanung

Vor der Wende hieß das Tal, aus dem ich stamme, das Tal der Ahnungslosen, in dem ARD für „Außer Raum Dresden“ stand. Damals verirrte sich ein Amateur-Kameramann, der Aufzeichnungen von einer der Montagsdemos ans ZDF weiterleiten wollte, ausgerechnet auf unser recht abgelegenes Grundstück, als er sich von jemandem, den er als Stasi einordnete, verfolgt fühlte. Das war das erste Mal, dass das Draußen mit Urgewalt in meine kleine Welt hereinbrach. Kurz danach erzählte der Nachbarsjunge, dass er 24 Stunden in Untersuchungshaft zugebracht hatte, weil er auf eben dieser Demo war. Deshalb zu fliehen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Eher plante ich meinen Tag engmaschiger und überlegte, wie viel von dem Draußen ich an mich heranlasse, zumal ich stillte. Am Waldrand in dem Jugendstilhaus, in dem wir wenige Wochen zuvor eine Wohnung bezogen hatten, nachdem wir über Jahre die Bausubstanz, so gut wir konnten, restauriert hatten, war das recht einfach.

Haus

Schwieriger wurde es, als ich wieder arbeiten ging und der erste Wessie in meinem Team auftauchte, der von sich sagte, er wolle den realen Sozialismus vor Ort untergehen sehen, nachdem er in Göttingen für die Grünen im Stadtrat war. Er fuhr Liegerad, trug speihässliche großgeblumte Shorts, nur weil sie billig waren, und hatte extrem picklige Beine aufgrund einer Neurodermitis und Glatze. Glatze wohl aus Prinzip, zumal schön zu sein opportunistisch gewesen wäre. Neurodermitis kannte ich bis dahin nicht und hatte sie auch noch nie gesehen. Aber das Verblüffendste war, dass er ununterbrochen sprach, was im OP recht kompliziert ist. Dabei sortierte er nie, was situativ für Dritte von Bedeutung war, sondern entleerte sein Hirn in den Raum wie eine Mülltonne. Andernorts wäre soviel Ungebremstheit sicherlich reizvoll gewesen.

Dass er vieles an den Arbeitsabläufen in seiner neuen Heimat kriminell fand, irritierte mich anfangs wenig, immerhin war ich bis dahin noch von niemandem eingegliedert worden und nahm die Westmark eher als Gag am Rande wahr, zumal die ersten Narkosen, die ich in der Zeit eher machen musste als machen wollte, meine gesamte Aufmerksamkeit banden. Die Wende war irgendwo da draußen außerhalb des OP-Saales, da wo auch Wetter war, und kein Grund an Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und die damit unter Umständen verbundene Depression Gedanken zu verlieren.

Wenig später kam ich dann aber doch ins Grübeln, als ich bei einem Seminar die Formel IchKannDichVerstehen,EsInteressiertMichNicht von einem westdeutschen Theologen eingetrichtert bekam, um lebensfähiger zu werden, wie er sagte. Das war meine erste Berührung mit der gesamtdeutschen Kirche. Ich habe den oben erwähnten Kameramann trotzdem ein zweites Mal hereingelassen. Da versuchte er die Mutter seines Kindes in Gegenwart des Kindes zu einem Gespräch zu zwingen, das sie seiner Ansicht nach ohne uns nicht zu führen bereit gewesen sei. Ich war mindestens genauso verdutzt wie nach seiner Verfolgungsjagd, zumal seine Frau nur einwarf, dass ihr Kind gerade sämtliche Begriffe aneinanderreihe, die es beunruhigten. Depression schließt sich an Angst und Panik an, habe ich inzwischen gelernt. Angst hatte ich damals noch keine. Ich war nur verdutzt, konnte nichts verstehen, interessierte mich aber dafür – genau wie heute für das syrische Fernsehen, das ich per Livestream empfange, aber mangels deutscher Untertitel nicht verstehe. Wahrscheinlich bin ich nach wie vor gefährdet depressiv zu werden, wodurch auch immer. Es ist verrückt.

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